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Mykolaiv, Klausbescherung - 29. November 2025

Jürg Roth
 
Erneut steht eine lange Fahrt nach Mykolaiv bevor. Olga, Oksana und Sasha holen mich am 29.November um 01.30 Uhr in Vinnitsa ab. Bei ständigem Nieselregen und teilweise dichtem Nebel treffen wie geplant um 09:00 Uhr in Mykolaiv nahe am Schwarzen Meer ein. Eine echte Meisterleistung unseres treuen Fahrers Sasha. Unter Mithilfe zahlreicher lokaler Helfer werden sofort die vielen Schachteln und Kisten ausgeladen und im Kellerlokal der Kulbakino Stiftung verstaut. Für ein offeriertes Frühstück bleibt keine Zeit, denn schon sehr bald erwarten wir die ersten Mütter mit ihren Kindern. Gesamthaft sollen etwa 650 Kinder aus dem Stadtteil Kulbakino die verschiedenen Hilfsmittel nebst einem Pack mit vielen Süssigkeiten als Geschenk zum «Samichlaus» am 6. Dezember bekommen. Damit wollen wir diesen Kindern etwas Licht und Freude in den schwierigen Alltag bringen.
 
Dank einer grosszügigen Unterstützung von CHF 10'000 durch die Firma STUTZ AG konnte das Projekt vollumfänglich finanziert werden. Dem Präsidenten Alfred Müller sowie dem gesamten Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung sei an dieser Stelle auch im Namen der VINNITSA MIT DIR - Stiftung für diese ausserordentlich grosszügige Spende herzlichst gedankt. Larisa, die energische Direktorin der Kulbakino Stiftung, betont im Laufe des Tages immer wieder, dass all diese von uns mitgebrachten Hilfsgüter von einer privaten schweizerischen Bauunternehmung gestiftet wurden und bittet mich, den Dank der vielen inlandvertriebenen Menschen an die Firma weiterzuleiten. 
 
Bald treffen die ersten Mütter mit ihren Kindern ein. Nach erfolgter Kontrolle erhalten die Kinder ihr Samichlausgeschenk und die Mütter die mitgebrachten Hygieneartikel. Es ist wohltuend die frohen, leuchtenden Kinderaugen zu sehen, wenn sie die Süssigkeiten in ihren Händen halten. Ausnahmslos sind es Kinder aus inlandvertriebenen Familien, Waisenkinder, die teilweise ihre Väter und oft auch ihre Mütter im Krieg verloren haben und nun als Flüchtlinge im eigenen Land sehnlichst auf das Ende dieses grausamen Krieges warten.
 
Bereits nach kürzester Zeit hat sich vor dem Kellerlokal eine riesige Menschenmenge eingefunden. Mit geduldig wartenden vielen Kindern ist die Atmosphäre bedeutend lockerer als bei Erwachsenen. Die Spontaneität der Jugendlichen hat mich überrascht. Spontan umarmten sie mich und dankten für die Hilfe aber auch dafür, dass wir an sie denken und sie hier im Süden der Ukraine nahe der Frontlinie aufsuchen. Ich bin sehr überrascht, wie gut viele dieser Jugendlichen englisch sprechen. David. ein etwa 15-Jähriger kommt auf mich zu und beginnt in fast fliessendem Englisch sich mit mir zu unterhalten. Die Menschen schätzen die materielle Hilfe sehr, aber bereits die Anwesenheit bedeute eine grosse und wichtige moralische Stütze für die Menschen im Quartier Kulbakino. Eine jüngere Frau mischt sich in das Gespräch ein und meinte, dass die «Vinnitsa mit Dir»-Stiftung und ihre Schwesterstiftung in der Schweiz im ganzen Quartier bekannt seien. Das hat mich sehr erstaunt und positiv überrascht. Dann umarmt mich David fest in der Hoffnung, dass der Kontakt zu all den armen und kranken Menschen nicht abbrechen werde. Die junge Frau schliesst sich dem Dank und der Hoffnung von David an. Leider ist die Zeit viel zu knapp bemessen, um vermehrt auf diese Menschen zuzugehen. Unverhofft rezitiert ein etwa 7-Jähriger sein «Samichlaussprüchli» und gewinnt sofort allgemeine Aufmerksamkeit. Man spürt, dass nicht nur die Hilfsgüter von diesen Menschen sehr geschätzt werden, auch die moralische Unterstützung ist wichtig. Diese Menschen möchten nicht vergessen werden. Dabei kommt mir Bertold Brecht mit seiner Groschen Oper in den Sinn, als er sagt: «Der Mensch lebt nicht von Brot allein». 
 
Kurz nach 15:00 Uhr wird es ruhiger, der grosse Andrang ist vorbei, aber immer noch kommen Mütter mit ihren Kindern, um ihren Anteil abzuholen. Nach etwa 5 Stunden mit grossem Ansturm macht sich auch bei uns Müdigkeit spürbar. Wir fahren ins Zentrum der Stadt, suchen unser Hotel auf und beziehen unsere Zimmer. Viel Zeit bleibt nicht zum Ausruhen; nach knapp 30 Minuten fahren wir mit einem Taxi zurück in das eher arme Kulbakino Quartier. Larisa und ihr Team haben uns mit einem reichhaltig gedeckten Tisch überrascht. Auf dem Tisch stehen auch einige dicke Kerzen, denn in Mykolaiv gibt es ebenfalls während vieler Stunden keinen Strom.
 
In diesem Ambiente gewinnen wir eine feierlich vorweihnachtliche Stimmung und geniessen Momente des Entspannens. In einer kurzen Ansprache gedenke ich dem Stifter der ULS und vor allem dem heutigen grossen Spender dieser humanitären Aktion. Ich danke Larisa und ihrem Team für die vorzügliche Organisation und das fein schmeckende Nachtessen. 
 
In einer Schweigeminute gedenken wir der vielen gefallenen ukrainischen Soldaten. 
 
Wir sind alle sehr müde und brechen kurz nach 20:00 Uhr auf. Nach dem Frühstück im Hotel starten wir zur problemlosen Rückreise. In dieser Zeit denke ich an die Worte von David, der mir die Augen öffnete, dass nicht nur die Hilfsgüter sehr willkommen und notwendig sind, sondern auch der menschliche Kontakt. Kurz nach 17:00 Uhr erreichen wir wohlbehalten Vinnitsa.
 
 
Jürg Roth mit beschenkten Jugendlichen      Freude